Interview

Miriam Claudi interviewt von Dr. Franziska Puhan-Schulz
März 2008

P-S: „Haben Sie eine akademische Ausbildung als Fotografin?“

C: „Ja, an der Folkwangschule in Essen, an der HbK in Kassel und an der Kokoschkaschule in Salzburg. Am meisten haben mich die Sommer in Salzburg und das Zusammenkommen von so vielen interessanten Künstlerpersönlichkeiten geprägt: Verena von Gagern, Tamarra Kaida, Thomas Lüttge, Gerd Winner, Dieter Appelt und viele andere – das habe ich damals aufgesogen.“

P-S: „Was ist für Sie ein gutes Foto?“

C: „Ich mag formal gesehen Fotos, die eine weite Spannbreite in die beiden Pole Schwarz und Weiß haben, und ich mag Zeichnung in diesen Polen. Vor allem gefallen mir aber Bilder, die an einigen Stellen in schwarzen Flächen „absaufen“. Diese undefinierten Stellen haben etwas Magisches oder Geheimnisvolles und lassen Raum für Nichtwissen und Phantasie. Sie gehören dem Betrachter, der sie selbst mit Leben füllen kann.“

P-S: „Ein Bild darf also auch harte Kontraste haben?“

C: „Nein, ich liebe das voll ausgeschöpfte Spektrum, die hingeführten Übergänge, das tiefe Schwarz und das leuchtende klare Weiß. Für mich sind das Höhe- oder Tiefpunkte, die „vermittelt“ werden müssen. Was nicht heißt, dass es keine harten Brüche geben darf. Sie erzeugen Spannung und müssen gezielt eingesetzt werden. Vor zwanzig Jahren war das für mich eindeutig nur innerhalb der Schwarzweißfotografie zu verwirklichen. Ich konnte mir nie vorstellen, Farbe zu benutzen, obwohl ich die farbigen Stadtansichten von Gerd Winner verehrte. Heute arbeite ich aus der Fülle des Farbspektrums heraus. Aber mein Blick ist von der Schwarzweißfotografie her geprägt.“

P-S: „Was für eine Kamera benutzen Sie?“

C: „Eine Fuji S5. Alles entscheidend ist für mich, dass man mit seiner Kamera in den künstlerischen Prozess eintaucht und so lange mit schwimmt, bis sich etwas verdichtet oder heraus kristallisiert. Das ist dann der magische Moment, in dem man auf den Auslöser drückt. Das Einmalige und Authentisches dieses Moments unterscheidet später ein gutes von einem uninteressanten Foto.

Man kann mit viel technischer Ausrüstung perfekte Fotos machen. Sie bilden aber unter Umständen lediglich etwas Äußeres ab. Fotos, die ich mag vermögen mehr: Sie lassen uns teilhaben an einem Geschehen, das sich aus dem fotografierten Augenblick ableiten lässt. Diese Haltung habe ich aus Salzburg mitgenommen. Es gibt solche und solche Bilder. Die Ausrüstung ist wichtig, aber künstlerisch zweitrangig.“

P-S: „Was sind Ihre Orte heute, wenn Sie Stadt fotografieren, oder Pflanzen portraitieren? Wo suchen Sie sich Ihre Themen, Ihre Objekte?“

C: „Ich habe sehr persönliche Themen. Frankfurt zu fotografieren hat für mich mit Architektur eher weniger zu tun. Als Ostfriesin bin ich im Grunde genommen in Frankfurt auch nach zehn Jahren nicht wirklich heimisch geworden. Aus der Ecke heraus entstand der Wusch, sich hier heimisch zu fotografieren. Ich denke, das ist so eine Art Versöhnungsprozess.

Die Pflanzenportraits, denke ich, haben etwas ziemlich Sinnlich-erotisches. Sie befassen sich mit Flächen – mit Oberflächen, ohne oberflächlich gemeint zu sein. Sie sind eine liebevolle optische Berührung. Vielleicht kann man sie am ehesten mit dem Blick vergleichen, den man auf einen geliebten Menschen wirft. Vielleicht berührt einen am meisten der Schwung einer Augenbraue, oder die Wölbung des Bauchs. Irgendein persönliches Detail, über das man gerne hinwegstreicht.

Gerade die Pflanzen-Bilder werden im Computer stundenlang bearbeitet. Ich habe mich gefragt, worin der Reiz daran besteht: Ich öffne ein Foto auf dem Bildschirm, suche mir einen Bereich zum Bearbeiten aus, scrolle dann hoch und krieche immer weiter in die sich öffnende und vergrößernde Struktur hinein. Die zuerst verborgene und sich nun offenbarende Schönheit einer Farbpartie macht mich richtig euphorisch. Das ist es, was mich immer wieder reizt. Zum Teil sind es ganz kleine Partien, wie z.B. Übergänge von Orange in ein zartes Lila. Das ist atemberaubend, wenn man das in einer hohen Auflösung sieht.“

P-S: „Gibt es einen bestimmten Ort, an dem die Blüten aufgenommen werden?“

C: „Parks, aber ich habe auch bei mir zu Hause eine große Terrasse mit einem milchartigen Plexiglasdach. Da sickert ganz wunderbar weiches Licht durch – von beiden Seiten habe ich das Licht und von oben. Das ersetzt glatt ein Studio.“

P-S: „Muss in den Stadtbildern so etwas wie eine formale Struktur vorhanden sein, die Sie zur weiteren Bearbeitung reizt?“

C: „Ja, ich finde, es braucht einen interessanten Ausschnitt, eine Aufteilung in Vorder- und Hintergrund und vielseitige Oberflächenstrukturen. Ich habe einen ziemlich starken Hang zur graphischen Aufteilung der Flächen. Zum Beispiel das Foto mit dem U-Bahnschacht vor der „Kunsthalle Schirn“.

Wenn man vom Land nach Frankfurt kommt, dann ist die U-Bahn das, was einen am meisten fasziniert. Am Anfang schreckt es natürlich auch, weil man die Adern der Stadt von unten kennen lernen und sich in diesem Labyrinth zurecht finden muss. Nicht umsonst ist das Bild von der Rolltreppe im U-Bahnschacht mein erstes Foto der Reihe: „Mein Frankfurt-Archiv“.“

P-S: „Ja, es gibt deshalb schon Bücher von Stadtforschern über die Pariser Metro und die Berliner U-Bahn. Und bei den anderen Fotos? Spielen hier die Wahrzeichen der Stadt, wie z.B. der „Hammering Man“ eine Rolle?“

C: „Diese Ecke in Frankfurt hat mich fasziniert, gar nicht mal wegen des „Hammering Man“. Es ist aber wichtig, dass er dort steht. Er symbolisiert den Menschen als Individuum, ist aber gleichzeitig eine sich mechanisch bewegende Maschine. Das passt ganz gut zum Alltagsleben in einer Großstadt.

Wesentlich hat mich aber die Tiefe im Raum interessiert. Das Bild ist für mich nur deswegen interessant, weil im Hintergrund die Hochhäuser stehen – an diesem Tag, mit diesem Hintergrund und mit diesem Himmel. Den habe ich natürlich noch mal bearbeitet. Und plötzlich bekam das Bild eine Tiefe, die für mich eine erlebbare Größe von Stadtleben abbildet. Eine ungeheure Tiefe und Fläche von Stadt, die durch die vielen Senkrechten immer wieder unterbrochen wird. Wo man sich so durchschlängeln muss und die Dimensionen, in denen man sich bewegt, erfahrbar werden. Das gekreuzte Straßenschild könnte symbolisch den persönlichen Standort zwischen diesen vielen Senkrechten des Großstadtdschungels markieren. So habe ich Frankfurt immer erlebt.“

P-S: „Gibt es ein bevorzugtes Format?“

C: „Meistens fotografiere ich im Querformat. Hochformate liegen mir irgendwie nicht. Da fehlt die Weite. Mein Ziel ist es, nach und nach alle Fotos auf Leinwand abzuziehen. Gerne auch größer als das jetzige Format 60 x 80 cm.“

P-S: „Haben die Fotografien Bezeichnungen?“

C: „Nein, nicht wirklich. Aber die Stadtbilder sind unter „Mein Frankfurt-Archiv“ gespeichert und die Pflanzenportraits fasse ich unter dem Titel „Das Leuchten des Gartens“. IN den Serien sind sie nummeriert.

P-S: „Spielt das Verhältnis von Originalaufnahme und bearbeitetem Bild eine Rolle. Könnte man sie als Duo nebeneinander hängen?“

C: „Das würde ich nie machen. Das Bild, welches ich haben und zeigen will, ist das bearbeitete Bild.“

P-S: „Sie fotografieren auch Porträts von Menschen, die Ihnen nahe sind. Was haben diese mit den anderen gemeinsam?“

C: „Auch hier sehe ich, dass viel schwarze Fläche zur Wirkung gebracht wird. Das Porträt von meiner Tochter Lilly brauchte zum Beispiel, damit ich zufrieden war, diese dunkle Fläche da am Gesichtsrand – das ist ihre undurchsichtige Seite; das, was man nicht sieht. Eine ähnliche Fläche finden wir auch bei dem U-Bahnschacht an der Schirn. Fast alle Bilder von mir haben diese „blinden“ Flecken – manchmal auch Unschärfen.

Die Pflanzenportraits liegen da anders: Die Serie „Das Leuchten des Gartens“ zeigt vordergründig Bilder von Pflanzen. Gemeint ist aber der innere Garten. Die vielen sich öffnenden Blüten und sinnlichen Strukturen zeigen das malerische, vitale innere Selbst, das nach Ausdruck und Verwirklichung drängt. Die Schönheit unserer eigenen inneren Landschaft: Sie ist verspielt, naiv und differenziert zugleich.“

P-S: „Gibt es noch Themen, die Sie faszinieren?“

C: „Das Thema Zeit finde ich in der Fotografie mit das Interessanteste, was man hat. In gewisser Hinsicht ist es für jedes Bild maßgeblich. Schon im Technischen spielt es eine entscheidende Rolle. Je nachdem wie ich meine Belichtungszeit verwende, ist das Ergebnis unterschiedlich. Und das hat immer eine eigen Bedeutung, die man interpretieren kann. In der Fotografie halten wir, wenn wir auf den Auslöser drücken, die Zeit für einen bestimmten Bruchteil einer Sekunde an, lösen ihn aus dem Rest des Zeitgeschehens heraus und konservieren ihn.

Auf dem Foto mit der Lilie ist nicht zufällig eine Pflanze in verschiedenen Stadien abgebildet – ein wunderbarer Bogen von der Knospe bis zum Verblühen. Das ist natürlich allegorisch gemeint. Der Hintergrund ist farblich reduziert auf Grau und Magenta. Diese Kombination ist ein Abwandlung von Schwarz und Weiß, Höhepunkt und Tiefpunkt, Anfang und Ende – der Kreislauf von Vergehen und Werden.“

P-S: „Walter Benjamin hat darüber in seinem Essay: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ geschrieben. Wie ist in diesem Kontext Ihre Auffassung vom Original?“

C: „Das einzig Wahrhaftige in der Fotografie ist der Zeitpunkt ihrer Entstehung. Dieser eine Augenblick, in dem der Hammering Man seinen Hammer hebt … dass gerade die Ampel grün ist… dass gerade das Licht dahinter in diesem Schimmer steht… bis hin zu der Konstellation der Autos. Da ist so vieles, was diesen Augenblick wichtig und interessant macht. Ihn zu erhalten ist irgendwie ein Akt der Schöpfung.“

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